Jilody’s Blog

Nemo me impune lacessit

Kapitel 6 – Erinnerungen I

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Die Faust donnerte mit solcher Wucht auf den Schreibtisch, dass die Federkiele klirrten und das Tintenfass erst einen Hüpfer machte und dann umkippte. Die dunkle Flüssigkeit bahnte sich zielstrebig seinen Weg über die Platte zu dem unordentlichen Papierhaufen, der dort lag und die Tinte gierig aufzusaugen begann, doch keiner der beiden Männer achtete auf das sich ausbreitende Malheur. Fast 40 Jahre trennte die beiden, aber wenn es um Entschlossenheit ging, standen sie sich um nichts nach und der Jüngere ließ sich von dem kurzen Gewaltausbruch nicht unterbrechen. „Ich sage ja gar nicht, dass das der einzige Grund ist, aber es ist eine Möglichkeit und wenn…“ – „Genug!“ Erneut wurde er scharf unterbrochen und das wütende Funkeln in den Augen seines Lehrers und Mentors ließ ihn innehalten, wenn auch mit zusammengebissenen Zähnen. „Ich höre mir diesen Unsinn nicht länger an!“ fuhr Severin mit gleicher erhobener Stimme fort. „Ich habe euch nicht jahrelang unterrichtet und unter meine Fittiche genommen, damit ihr nun alles über Bord werft und mir irgendwelche wirren Geschichten auftischt.“

Benedict biss die Zähne noch fester zusammen. „Ich werfe nicht alles über Bord,“ brachte er mühsam beherrscht über die Lippen, „ich will euch nur erklären, dass der Araber…“ – „Ein Heide!“, brach es aus Severin heraus, „Ein gottverdammter Heide!“ Neuerlich schlug er auf den Tisch, Tinte spritzte hoch und tränkte nicht nur seine Hand, sondern auch seine Kleidung, allerdings nahm er auch davon keinerlei Kenntnis. Sein Gesicht war vor Zorn gerötet und er sah aus, als wolle er jeden Moment aufspringen und den besagten Heiden die Gurgel umzudrehen. Benedict selbst verlor langsam die Geduld, wenngleich er genau wusste, dass damit seine Sache endgültig verloren sein würde. Er atmete einmal tief durch, riss sich zusammen und beugte beschwörend sich vor. „Er ist ein Gelehrter wie wir. Nur weil er…“ Ein weiteres Mal kam er nicht dazu, seinen Satz zu beenden, denn bei diesen Worten sah Severin endgültig rot. Er schoss dermaßen schnell in die Höhe, dass sein Stuhl polternd umkippte und Benedict instinktiv ein wenig zurück wich. Severin deutete mit dem Finger auf ihn, ein Tropfen hatte sich an seiner Spitze gesammelt, allerdings tat das der Drohung keinerlei Abbruch. „Passt auf, was ihr sagt.“

Der junge Mann ballte die Fäuste zusammen, aber er sprach nicht weiter. Es war zum Verrücktwerden, Severin wollte nicht einmal zuhören. Dabei hatten sie sich einst so gut verstanden. In letzter Zeit jedoch hatten sie sich langsam voneinander entfernt. Anfängliche freundschaftliche Debatten waren zu hitzigen Diskussionen und schließlich zu immer häufiger auftretenden Streitereien ausgeartet. Im Grunde bedauerte Benedict diese Entwicklung, Severin war für ihn das, was einem Vater am nächsten kam. Doch das hier war zu wichtig, als dass er einfach geschwiegen hätte, nur um des Friedens Willen. „Alles, was ich möchte, ist, dass ihr dem Stadtrat anratet, gewisse Vorkehrungen zu treffen, egal, von wem sie kommen.“ Er hatte so ruhig und vernünftig gesprochen, wie es ihm nur möglich war, aber er hatte noch nicht das letzte Wort ausgesprochen, da wusste er bereits, dass er genauso gut gegen eine Wand hätte reden können. „Nein, ich werde mich nicht zum Gespött der ganzen Stadt machen. Das ist mein letztes Wort!“ Benedict zitterte vor unterdrückter Wut, doch er schwieg. Er hätte am liebsten aufgeschrien vor Frustration angesichts dieser Dickköpfigkeit, aber er wusste, dass jedes weitere Wort vollkommen sinnlos gewesen wäre. Severin wollte nicht zuhören, nur weil der Mann kein Christ war und aus dem Morgenland stammte. Wann war sein Lehrer nur so engstirnig geworden? Oder war er das schon immer so gewesen, nur Benedict hatte es früher nie bemerkt?

Das Schweigen zwischen ihnen dehnte sich weiter aus, schließlich ließ der alte Mann die Hände wieder auf den Schreibtisch sinken. Stirnrunzelnd senkte er den Kopf, als er Feuchtigkeit spürte. Erst jetzt bemerkte er das Chaos und stieß einen halblauten Fluch aus, während er den Stuhl wieder aufrichtete und die Papiere hochhob. Ein Schwall dunkler Tropfen ergoss sich über seine Finger und tränkte sie nur noch mehr. Benedict hatte plötzlich den Eindruck, dass seine Hände voller Blut waren. Ein Schauder durchfuhr ihn.

„Du kannst jetzt gehen.“ Ohne auch nur aufzusehen, schickte Severin seinen Schüler hinaus. Für ihn war die Unterredung beendet, sie war ohnehin nur Zeitverschwendung gewesen. Doch trotz der deutlichen Worte rührte sich der junge Mann nicht. Stumm verfolgte er, wie sein Mentor versuchte, wieder Ordnung auf seinem Schreibtisch zu schaffen, mit mäßigem Erfolg. Wie gern hätte er ihm an den Kopf geworfen, was für ein törichter alter Mann er doch war. Aber er blieb stumm. Nachdem ihm schließlich klar geworden war, dass Severin ihn weiterhin stur ignorieren würde, wandte er sich schließlich um und verließ das Zimmer.

„Es ist nicht so gelaufen, wie du gehofft hattest, nicht wahr?“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, denn ein einziger Blick in sein Gesicht hatte ihr bereits alles gesagt, dennoch schüttelte Benedict den Kopf. „Er will nicht zuhören. Ich weiß selbst nicht, ob es wirklich etwas bringt, aber es würde niemanden etwas kosten und wenn auch nur die Möglichkeit bestünde…. Er hätte die Möglichkeit, frühzeitig etwas zu tun.“ Benedict ließ sich seufzend im Sessel nieder und sah gedankenverloren in den kalten Kamin. Sie trat zu ihm, zögerte und setzte sich dann auf die Lehne, schmiegte sich an ihn. „Und was wirst du jetzt tun?“ Er antwortete nicht sofort. Er roch den Duft ihres Haares, spürte die Weichheit ihrer Haut und schloss die Augen. Ja, was sollte er tun? Er war sich doch selbst nicht darüber im Klaren, ob er den Geschichten dieses Arabers glauben sollte, andererseits hatte er ihn als einen wirklichen Gelehrten kennen gelernt. Er war kein Typ, der irres Zeug redete, um Aufmerksamkeit zu erregen. Sollte er selbst mit dem Rat reden? Zwecklos, ohne Unterstützung würden sie ihn genauso wenig anhören wie Severin. Dennoch konnte er nicht in Untätigkeit verfallen. Seine Hand wanderte unwillkürlich auf ihren Bauch und blieb dort liegen. „Ich werde,“ meinte er schließlich resigniert, nachdem sie schon dachte, überhaupt keine Antwort mehr zu erhalten, „uns ein paar Katzen besorgen…“

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