Jilody’s Blog

Nemo me impune lacessit

Kapitel 5

-5-

In dieser Nacht bekam Benedict Besuch. Die Finsternis um ihn herum war vollkommen, nicht der geringste Funken irgendeines Lichts drang bis zu ihm, es herrschte Schwärze. Weder sich noch sonst einen Schemen konnte er in diesem Nichts vernehmen, aber als sie erschien, als sie vor ihn trat, da sah er sie. Er vermochte ihr Gesicht ganz deutlich zu erkennen, als würde sie von hinten von einem Licht bestrahlt werden, das sich um sie schmiegte. Als wäre sie selbst diese Lichtquelle. So stand sie also vor ihm und blickte auf ihn hinab, schweigend, so wie sie ohne jegliches Geräusch erschienen war. War da ein Vorwurf in ihren Augen, eine stumme Anklage, die er dennoch ganz genau kannte, war es doch eben jene, die er sich selbst immer wieder vorgeworfen hatte? Um dem Blick von ihr nicht weiter ertragen zu müssen, senkte er den Kopf und dachte zurück, wie er hierher gekommen war. War das wirklich erst einige Stunden her, dass er vor seiner Tür gestanden hatte, Gabriel an seiner Seite? Es kam ihm wie aus einem anderen Leben vor, als hätte er schon immer hier in der Finsternis gesessen. Dabei hatte es erst so gut ausgesehen.

Die Menschen hatten abwartend auf den Mann vor Benedict gesehen, er selbst hielt den Atem an. Und dann lachte der Mann, ein dunkles, dröhnendes Lachen, das über die Straße hallte und die letzten Reste von Spannung löste. Er schlug Gabriel auf die Schulter, eine wohl freundschaftliche Geste, doch Benedict spürte, wie der Priester neben ihm unter der Wucht leicht in die Knie ging. „Dann ist ja alles in bester Ordnung!“ dröhnte er weiter und wandte sich an die Umstehenden. „Also, Leute, ihr habt es gehört, geht wieder an die Arbeit.“ Willig zerstreute sich die Menge, nur in einer kleinen Seitengasse, im Schatten verborgen, standen noch zwei Männer. Der eine machte eine zornige Handbewegung, der andere beschwichtigte mit einem Kopfschütteln, dann zogen sie sich zurück.
Benedict hatte indes verstohlen aufgeatmet und Gabriel einen dankbaren Blick zugeworfen, dieser Scherz hätte auch ganz anders ausgehen können, das wussten sie beide. Der andere wandte sich erneut an den Arzt: „Ein etwas ungewöhnlicher Beginn in unserem Städtchen“, meinte er schmunzelnd, als wäre das alles nur eine kleine Lappalie gewesen. So kann man das auch formulieren, dachte Benedict ironisch. Laut sagte er: „Es ist ja alles gut gegangen.“ Sein Gegenüber nickte und streckte die Hand aus. „Karl, ich bin der Losunger hier.“ Benedict war überrascht, das Amt des Losungers war bedeutend, derjenige bildete die Spitze der Stadtregierung und vertrat die Bevölkerung gegenüber dem jeweiligen Herrn, in diesem Fall sicher der Bischof. Aber normalerweise hatte nur eine richtige Stadt diese Form der Selbstverwaltung, Elmsbach erfüllte wohl kaum die nötigen Kriterien. Und trotzdem war das Amt offensichtlich eingeführt worden. Jetzt war ihm klar, warum diesem Mann soviel Respekt gezollt wurde.
Benedict hatte die dargebotene Hand ergriffen und sein Gegenüber hielt die seine fest umschlossen, sie verschwand regelrecht in seinen Pranken. Er hatte fast Angst, dass der Mann ihm die Finger brechen würde. Das geschah zwar nicht, doch ließ er auch nicht gleich wieder los, sondern legte stattdessen die freie Hand um Benedicts Oberarm. „Ich denke, nach all der Aufregung haben wir uns einen kleinen Trunk verdient, meint ihr nicht auch? Kommt, wir haben einiges zu bereden. Es ist schön, wieder einen Arzt in unserer Mitte zu haben. Ihr könnt derweil diese armen Tiere entsorgen, damit niemand mehr einen bösen Schabernack damit treiben kann.“ Die letzten Worte galten Gabriel und es schien ganz selbstverständlich, dass er dieser Aufforderung, die nichts anderes war als ein Befehl, Folge leisten würde. Was blieb ihm auch anderes übrig? So blieb der Priester zurück, während Benedict von Karl einfach mitgezogen wurde. Den hilfesuchenden Blick konnte er nur mit einem bedauernden Schulterzucken beantworten.

Ein Rascheln unterbrach Benedicts Gedanken, sein Kopf ruckte in die entsprechende Richtung, doch nur seine Ohren verrieten ihm, dass dort eine Ratte hockte. Er trat nach ihr, traf zwar nicht, aber dennoch huschte sie im Stroh davon. Vor einigen Stunden hatte er noch in Gesellschaft des Losungers gesessen, jetzt war es nur mehr eine Ratte. Und sie. Noch immer stand sie vor ihm und wartete darauf, dass er ihren Blick erwiderte. Neuerlich flüchtete er in die jüngste Vergangenheit, erinnerte sich daran, wie er im Gasthaus gesessen hatte und nur kurze, ausweichende Antworten auf die Fragen gegeben hatte. Er hatte nicht reden wollen, stattdessen ließ er den Losunger erzählen. So erfuhr er etwas mehr über die Verhältnisse im Dorf, den Neid der Vielen auf die Wenigen, die vom Salzabbau profitierten und wie er, der Losunger, die Gemüter beruhigte. Alles in allem schien er großes Ansehen zu genießen.
Irgendwann hatte sich Benedict verabschieden können und war in sein Haus zurückgekehrt. Viel vom Tag war nicht mehr geblieben, dennoch nütze er die restliche Zeit, bis die Sonne sich hinter dem Horizont zurückzog. Mit dem Einbruch der Dunkelheit war der Priester erneut zu ihm gekommen, Brot und Salz, vor allem aber ein Lächeln mitbringend, doch Benedict hatte gerade erst seinem Besucher einen Sitz auf einer alten Kiste angeboten, als von draußen schwere Schritte zu hören waren. Dann donnerte jemand gegen die Tür, als wolle er mit einem Rammbock Einlass finden. Bevor Benedict reagieren konnte, schlug die Faust zum zweiten Mal dagegen und das war zuviel für die alte Konstruktion. Mit einem protestierenden Splittern brach sie aus den Angeln und fiel krachend auf den Boden, Staub wirbelte auf. Benedict wich automatisch zurück, dennoch musste er husten und er kniff die Augen zusammen. Der aufgewühlte Dreck umhüllte die massige Gestalt, die unter dem Türstock auftauchte, aber erst als sich der Staub langsam wieder legte, wurde Benedict bewusst, dass er keiner optischen Täuschung erlag. Er stand einem wahren Hünen gegenüber, einem Krieger, der auch bedrohlich wirkte, wenn das Schwert nur an seiner Seite hing. Und er war nicht allein, vor der Tür zeigten sich zwei weitere Schemen, so wie ihr Anführer bewaffnet. Das war alles andere als ein Höflichkeitsbesuch. „Was hat das zu bedeuten?“ Nicht Benedicts Stimme verlangte im scharfen Tonfall eine Antwort, sondern Gabriel, der sich ebenfalls erhoben hatte. Sollte der Angesprochene überrascht sein, dass sich der Priester hier befand, so ließ er es sich nicht anmerken. „Benedict von Lohenberg, ihr seid hiermit verhaftet und werdet mich auf die Burg begleiten. Ich habe meine Befehle.“ Fügte er hinzu und kam damit jeglichem Einwand zuvor. Diesmal war es allerdings das Opfer selbst, das sich rührte. „Und in wessen Namen? Was soll ich verbrochen haben?“ Benedict war sich keiner Schuld bewusst, eher ärgerte er sich darüber, dass ein paar Leute sich mit den toten Tieren vom Vormittag nicht begnügt hatten. Er hatte gewusst, dass es nicht leicht werden würde, aber das übertraf sämtliche Befürchtungen. „Im Namen des Bischofs, was dachtet ihr denn. Und die Anklage…das werdet ihr noch früh genug erfahren.“ Harsch kam die Antwort und genauso grob packte der Mann den Arzt am Arm und wollte ihn einfach mit sich zerren, doch da stellte sich Gabriel nochmals dazwischen. „Der Bischof ist nicht hier, wie ihr sehr genau wisst, und der Erzdiakon hat nicht die Befugnis…“ Er kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu führen, denn der andere fiel ihm mit erhobener Stimme ins Wort. „Erzählt dem Erzdiakon selbst, welche Befugnisse er hat oder nicht. Und jetzt lasst mich meine Arbeit machen.“ Grob schob er den Priester beiseite und Benedict blieb nichts anderes übrig, als mitzugehen, wollte er nicht hinterhergeschleift werden. „Keine Angst, das klärt sich schnell wieder auf“, rief ihm Gabriel hinterher, doch er hatte das Gefühl, dass er sich selbst genauso viel Hoffnung machen wollte wie ihm.

Benedict bekam weder den Erzdiakon noch sonst jemanden zu Gesicht, geschweige denn, dass man ihm gesagt hätte, was ihm vorgeworfen wurde. Schweigend schritt er in Begleitung seiner Bewacher den steilen Weg zur Burg hinauf, die sich drohend über ihm aufbaute und den Eindruck machte, als wolle sie ihn verschlucken, für immer zum Verschwinden bringen. Es überraschte ihn nicht sonderlich, dass es nicht zum Wohnturm ging, sondern direkt zum Kerker. Das spärliche Fackellicht des Innenhofes blieb hinter ihm zurück, als es die ausgetretenen Treppen nach unten ging, tiefer und tiefer hinein in den Fels, nur mehr von einer einzigen Fackel erhellt, die sein Führer mit sich trug. Feuchte Kühle umfing ihn, ein Schaudern zog durch seinen Körper, während es immer weiter ging. Hier und da drang ein Stöhnen eines Gefangenen an sein Ohr, dennoch schienen die meisten Zellen leer zu sein, doch ihr Weg führte an allen vorbei. Wo um alles in der Welt bringen sie mich hin?! Benedict wurde es immer mulmiger.
Nach einer halben Ewigkeit schließlich blieben sie vor einer wuchtigen Tür stehen, die nur mit einer gewaltigen Kraftanstrengung geöffnet werden konnte. Dahinter war nichts als Schwärze. Der Mann, der ihn hergebracht hatte, grinste ihn mit unverholener Schadenfreude an. „Na los, tritt ein, es wird dir gefallen. Da hat schon dein Onkel genächtigt, bis sie ihn hingerichtet haben.“ Mit einem bösen Lachen stieß er Benedict in die Zelle, die Tür schlug hinter ihm zu und die Finsternis war vollkommen.

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