Jilody’s Blog
Nemo me impune lacessitKapitel 4
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Elmsbach konnte sich nicht so recht entscheiden, ob es ein aus den Nähten platzendes Dorf oder eine zu klein geratene Stadt sein wollte. Der Umfang der Häuser und die Zahl der Bewohner sprach von einer Kleinstadt, den Kinderschuhen langsam entwachsend und sich empor streckend, um an Größe und Einfluss zu gewinnen, selbst wenn der Hausherr mit segnender Hand die Grenzen eisern festlegte und nicht gewillt war, diese zu Gunsten seiner Schützlinge zu erweitern. Doch wenn es um Gerüchte ging, dann schrumpfte Elmsbach plötzlich zu einem kleinen Kuhdorf zusammen, in dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten und am nächsten Morgen die Spatzen von allen Dächern pfiffen, dass des Müllers Lehrling der Katze am Schwanz gezogen hatte. Das musste auch Benedict leidvoll feststellen.
Das Haus des alten Friedrichs von Lohenberg war nicht zu übersehen, selbst in der Dunkelheit der Nacht. Allerdings nicht aufgrund der überragenden Größe. Dass sich das Haus nicht gerade im besten Zustand befand, wie es der Priester ausgedrückt hatte, war wohl die Untertreibung des Jahres. Desolat und verrottet traf es eher. Das ging Benedict durch den Kopf, als er vor der Ruine stand, die einst eine schöne, ansehnliche Behausung gewesen war, der man den Wohlstand des Bewohners hatte ansehen können. Davon war nichts mehr geblieben. Ein Teil des Daches war eingestürzt und hatte das obere Stockwerk unter sich begraben. Dadurch bekam das Gebilde eine scheinbar geduckte Haltung, als wolle es den Kopf zwischen die Schultern einziehen und sich zwischen den anderen, niedrigeren Gebäuden verstecken, sich unauffällig machen. Gerade das machte es unverkennbar.
Im Inneren sah es nicht besser, eher noch schlimmer aus. Nachdem Benedict die Tür geöffnet hatte – eine Kraftanstrengung, die das morsche Holz fast aus den Angel gerissen hatte – schlug ihm ein entsetzlicher Gestank entgegen, den nur die Ratten aushielten, deren quiekendes Empören angesichts der Störung ihn begrüßte, bevor sie davon stoben. Das schwache Licht der Kerze, die er entzündete und die eine seiner wenigen Schätze darstellte, enthüllte weitere Spuren einstiger Verwüstung: Unrat lag verstreut auf dem Boden, klägliche Reste der Einrichtung waren zerbrochen und faulten langsam vor sich hin, vergammeltes Stroh war hier und da noch übrig, die Fensterläden hingen schief und sahen aus, als würde nur noch ein Haar sie halten, Brandspuren zeugten von vergangenen Feuer, das offenbar jedoch nicht recht hatte Fuß fassen können, sonst stünde nicht einmal der klägliche Rest des Hauses.
Mit einem Seufzen, worauf er sich nur eingelassen hatte, führte Benedict das Maultier hinein, versorgte es und richtete sich ein einfaches Lager, um das er einen Kreis mit Nieswurz zog. Das giftige Pulver würde die Ratten abhalten. Ein paar verbrannte Kräuter beseitigten zudem den schlimmsten Gestank. Dennoch schlief er unruhig, Schatten der Vergangenheit suchten ihn in seinen Träumen heim, die Geister der Verstorbenen ließen ihm keine Ruhe und quälten ihn mit stummen Vorwürfen und anklagenden Blicken. Rastlos wälzte er sich von einer Seite auf die andere und noch bevor die Sonne ihre ersten Strahlen über den Horizont schickte, stand er auf, frierend und in keiner Weise erholt.
Um die Albträume loszuwerden, die ihn bis in sein Wachbewusstsein verfolgten, aß er ein karges Frühstück und inspizierte sein neues Heim in der anfänglichen Dämmerung des neuen Tages. Durch das eingestürzte Dach hatten Wind und Wetter ungehindert im ersten Stock wüten können und noch mehr Schaden angerichtet. Vorerst würde er es nicht benutzen können und er besaß nicht die erforderlichen Mittel, um es sofort Instand zu setzen. Er würde sich wie so viele ärmere Bürger damit begnügen müssen, in einem Raum zu leben. Immerhin bot der Hinterhof genügend Platz, um das Maultier unterzubringen und den kleinen Kräutergarten weiterzuführen, dessen klägliche Reste von Friedrichs Mühe zeugten. Als allererstes musste er allerdings gründlich putzen, um sämtliche Parasiten loszuwerden, die im Stroh nisteten. Benedict machte sich an die Arbeit. So gründlich er sein Haus auch begutachtet hatte, so trat er doch nicht mehr nach draußen, um sich die Front anzusehen. Hätte er es nur getan, er hätte sich eine Menge Ärger erspart.
Die Sonne hatte gerade erst den Horizont verlassen, da war die Kunde über sein Eintreffen bereits in aller Munde, eine Geschwindigkeit, die sogar den Priester Gabriel in Erstaunen versetzte, wie er später eingestand. Doch im Gegensatz zu ihm waren die Bewohner ganz und gar nicht erfreut über Benedicts Einzug. Der Teufel war zurückgekehrt, flüsterten sie, dunkle Schatten hatten sich des Nachts durch die Straßen geschlichen, eine verkrümmte Gestalt hatte deutlich den Fuß nachgezogen. Der Klumpfuß! Und Fackellicht! Unheimlicher Schein war durch die Fenster gedrungen, diabolische Treffen! Der Teufel war mit seinem Gefolge nach Elmsbach gekommen, die Bestien der Nacht, die die frommen Menschen foltern und in die Hölle zerren wollten. Die Gerüchte brodelten, jeder wusste mehr zu erzählen, aber nichts übertraf das, was sich unübersehbar am Haus des Lohenbergers befand.
Dumpf klopfte es an der Tür, dass das ganze Gestell wackelte. „Benedict?“ Überrascht erkannte der Gerufene die Stimme des Priesters, der im Gegensatz zum Vorabend aber keineswegs freundlich und fast schon überschwänglich klang, sondern drohender Ernst schwang in seinem knappen Ruf mit. Wieder klopfte es, da der Hausbewohner nicht schnell genug reagiert hatte, doch bevor die Tür von sich aus nachgeben konnte, hatte er sie bereits geöffnet. Wie erwartet stand Gabriel davor, sein Gesicht ernst, geradezu verschlossen. Nach der eigentlich sehr erfreulichen ersten Begegnung war die Art dieses Besuches äußerst unerwartet. Benedict runzelte die Stirn. „Was ist denn los?“ Über die Schulter des Priesters konnte er auf die Straße sehen, wo überraschend viele Leute standen. Nun ja, die Menschen gingen ihrer Arbeit nach, nachdem der Regen aufgehört hatte, war es auch nahe liegender, mehr Bewohner auf der Straße zu treffen, doch diese hier verharrten an Ort und Stelle, hier und da wurde getuschelt und offenbar war er Gegenstand der Gespräche. Er sah wieder zu seinem unmittelbaren Gegenüber, jener gab keine Antwort, stattdessen wanderten seine Augen langsam nach oben und betrachteten etwas oberhalb der Tür. Benedict verdrehte den Kopf, machte schließlich einen Schritt auf die Straße, um dem Blick folgen zu können. Er glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können. Ein schwarzer Hahn und eine schwarze Katze baumelten mit einem Strick um den Hals über der Tür. Diese Tat zeugte nicht nur von bestialischer Grausamkeit, die toten Tiere waren auch die Zeichen des Teufels, und das wusste jedermann.
Benedict stand der Mund offen, ungläubig auf das schaurige Bild starrend. „Habt ihr eine Erklärung dafür?“ Die Stimme des Priesters ließ ihn endlich den Blick senken. „Ihr glaubt doch nicht etwa, ich hätte das getan?“ Gestern noch hatte dieser Mann ihm erzählt, dass er nicht auf das Gerede von anderen hörte, sondern sich selbst ein Urteil bildete, und jetzt stand er hier mit einer Miene, als wolle er ihn gleich auf den Scheiterhaufen schleifen lassen.
Gabriel antwortete nicht sofort, betrachtete nur forschend den jungen Mann vor sich. Seit dem frühen Morgen hörte er von allen Seiten, dass der Satan höchst persönlich eingezogen sei. Er hatte versucht, die Leute zu beruhigen, doch das Auftauchen der beiden Tiere über der Tür verschärften die Situation, er war gezwungen einzugreifen. Ihn beschäftigte weniger die Möglichkeit, sich in dem Mann getäuscht zu haben, der zwar vom Schicksal gebeutelt zu sein schien, jedoch kein schlechter Mensch, als der Einfallsreichtum der Bewohner. Dieser war geradezu schockierend. „Zuckt jetzt gleich nicht zusammen.“ Er hatte seine Lippen fast nicht bewegt und zudem so leise gesprochen, dass Benedict ihn kaum verstanden hatte, noch weniger begriff er den Sinn dieser Bemerkung. Doch als Gabriel kurz nach unten blickte, ohne den Kopf zu bewegen, offenbarte er in seiner Hand ein Fläschchen mit einer klaren Flüssigkeit. Benedict war immer noch nicht ganz klar, was er bezweckte, doch das kaum merkliche Nicken zeugte zumindest davon, dass er es gesehen hatte. „Ich frage euch“, hob der Priester plötzlich mit lauter, klarer Stimme an, sodass ihn jeder der Anwesenden verstehen konnte, „seid ihr mit dem Teufel im Bunde oder von ihm besessen, praktiziert ihr schwarze Magie und habt ihr diese Tiere dort aufgehängt?“ Trotz der unangenehmen Lage war Benedict doch beeindruckt von der Stimmgewalt Gabriels, man könnte fast glauben, dem leibhaftig gewordenen Erzengel gegenüber zu stehen, zumal die Wolken am Himmel genau diesen Augenblick wählten, um einen Sonnenstrahl durchzulassen und das blonde Haupt des Priesters zum Aufleuchten brachte. „Nein, ich schwöre bei Gott und allen Heiligen, dass ich nichts damit zu tun habe.“ Er selbst klang leider nicht so imposant, aber immerhin fest. „Jetzt!“ raunte ihm der Priester zu, dann fuhr seine Hand mit einem Ruck hoch. Trotz der Vorwarnung kostete es den jungen Arzt eine gehörige Willensanstrengung nicht zusammenzuzucken, als das Wasser in sein Gesicht spritze.
Eine Sekunde verging, eine weitere, dann drehte sich Gabriel zu der Menge in seinem Rücken um und breitete die Arme aus. „Dieser Mann ist unschuldig! Der Teufel hätte nie das gesegnete Wasser ertragen, verbrannt hätte es ihn und hinabfahren lassen in die Hölle, aus der er gekommen ist. Da aber dieser Mann keinen Schaden genommen hat, ist seine Seele rein!“ Alle Augen waren auf den Priester gerichtet, der in seiner Haltung und mit dem glänzenden Schopf wahrlich gebieterisch aussah, sodass ihm niemand zu widersprechen wagte. Viele waren tatsächlich beruhigt durch diese Probe, einige jedoch nicht, wie Benedict an ihren zweifelnden Mienen ablesen konnte. Er selbst hatte sich eine zynische Bemerkung über seine reine Seele verkniffen, sie hätte seine Lage nur schlimmer gemacht. Immerhin schien sich die Lage zu entspannen, die Menschen begannen sich zu entfernen.
„Was ist hier los?!“ ertönte da auf einmal eine neue, dunkle Stimme. „Lasst mich durch!“ Willig gehorchten die Menschen und schufen eine Gasse, die sich hinter dem Neuankömmling wieder schloss. Ein Mann mittleren Alters hatte sich seinen Weg gebahnt, vereinzelt zogen sich graue Strähnchen durch das dunkle Haar, die Jahre hatten ihn ein wenig in die Breite gehen lassen, doch verstärkte das nur den Eindruck von Stattlichkeit und Autorität. Der feine Stoff seiner Kleidung wies ihn zudem als wohlhabend aus. Das war kein einfacher Bauer, eine Aura von Macht umgab ihn und fesselte jeden Anwesenden erneut an Ort und Stelle. Sein taxierender Blick wanderte von den Tieren über der Tür zu Benedict und weiter zu Gabriel. Kurz blitze es in seinen dunklen Augen auf, doch Benedict war nicht in der Lage, das zu deuten. Unbehaglich strich er sich mit dem Ärmel die Wassertropfen aus dem Gesicht.
„Was geht hier vor?“ verlangte er ein weiteres Mal zu wissen und trat näher auf die beiden Männer im Mittelpunkt des Geschehens zu. „Ein dummer Scherz“, ließ sich der Priester vernehmen. „Jemand glaubte wohl, er müsse Benedict an seinen Onkel erinnern.“ Die Augen des Mannes fixierten den Arzt, das Gesicht unheilvoll umwölkt. Das Gehörte war ihm offensichtlich nicht neu und er schien es ernst zu nehmen. „Er hat nichts damit zu tun, mit heiligem Wasser habe ich es geprüft, er ist unschuldig.“ Endlich ließ der Mann von Benedict ab und wandte sich zu Gabriel, der das nun leere Fläschchen in die Höhe hielt. Er versuchte einen selbstsicheren Eindruck beizubehalten, doch die Spannung, die sich mit der Ankunft dieses Mannes aufgebaut hatte, war deutlich spürbar. Benedict hatte das dumpfe Gefühl, dass sein Gegenüber ihn mit seiner ausstehenden Antwort freisprechen konnte, genauso gut aber auch in irgendein Verlies stecken. Unwillkürlich biss er die Zähne zusammen und wünschte sich, er hätte das Kloster nie verlassen.
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