Jilody’s Blog

Nemo me impune lacessit

Kapitel 3

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Der Schatten stand so regungslos an den Baum gelehnt, dass er genauso gut ein Teil davon hätte sein können. Unkenntlich war es, wo die Grenzen der Pflanze waren und wo sie in etwas anderes übergingen, als hätte der knorrige Stamm auf den Fremdkörper übergriffen und ihn sich einverleibt. Beide Teile harrten stumm und still, ließen sich weder von Wetter noch von Wind aus der Ruhe bringen, noch von dem anderen Schatten, der sich vor ihnen bewegte. Jener schritt nervös auf und ab, dass die Schritte im Matsch der Erde zu hören waren, das Leder der Stiefel knarrte leise und der Atem ging stoßweise, deutlich hörbar. „Würdest du bitte endlich damit aufhören, ständig auf und ab zu rennen?!“ ließ sich da der Baum knurrend vernehmen, ein dunkler Bass, der die Dunkelheit durchdrang. Tatsächlich blieb der andere stehen. „Wir warten schon seit einer halben Ewigkeit!“ verteidigte er sich zischend und mit deutlicher Verärgerung in der Stimme. Er schien jünger als der regungslose Schatten zu sein, die Umrisse sprachen von einem schlaksigen Mann, dem man nicht ansah, dass er erstaunlich kräftig zupacken konnte. „Erst holt er mich aus dem Bett und dann kreuzt er nicht auf. Mein Weib wird mich was heißen…“- „Meine Güte, sag nicht, dass ihr das Dutzend voll kriegen wollt.“ Hämische Belustigung sprach aus dem Bass, er kannte seinen Gegenüber und die Leidenschaft, mit der er seine Frau liebte und für Nachwuchs sorgte. Der andere ballte die Fäuste, doch die Finsternis verbarg, dass er rot geworden war.

Der Mann unter dem Baum wartete nicht auf eine Antwort, zum ersten Mal regte er sich und sah hinauf zum Himmel. Die Wolken waren endgültig aufgerissen und über ihm erstreckte sich ein fast sternenklarer Himmel, nur einige Fetzen zeugten noch von der vorangegangenen Sintflut. Der Mond schien hell, fast zu hell für seinen Geschmack, er warf leichte Schatten, darum hatten sie ihre Pferde unter dem Blätterdach angebunden. Dennoch war seine Sorge auf Entdeckung gering, standen sie hier doch auf einer kleinen Lichtung im nahen Wald außerhalb der Stadt und es war schon nach Mitternacht. Im Gegensatz zu seinem Leidensgenossen war er nicht aus dem Bett, sondern aus der Schenke gerissen worden und hätte er die Wahl gehabt, er wäre jetzt lieber dort gewesen als hier. „Wenn er nicht bald kommt, gehe ich, dringend hin oder her“, brummte er missgelaunt. Der andere nahm seine unruhige Wanderung auf und die Geräusche seiner Schritte übertönten das entnervte Seufzen des Basses, der von dieser deutlich zur Schau getragenen Nervosität nichts hielt.

Das Geräusch eines herannahenden Pferdes ließ sie beide aufhorchen. Während der eine seine Wanderung beendete, begann sich der andere zu regen, er stieß sich vom Baum ab, blieb aber in dessen Schatten verborgen, so dass man nicht sehen konnte, dass er sich angespannt hatte. Der dumpfe Hufklang kam immer näher, dann konnten sie die Schemen von Reiter und Tier ausmachen. Auf den letzten Metern wurde er langsamer und hielt kurz vor der Lichtung an. „Da bist du ja endlich!“ schlug es ihm entgegen, die Unruhe des Wanderers war neuerlich in Wut umgeschlagen. „Ja, ja“, winkte der Neuankömmling abwesend ab und glitt vom Sattel hinunter. „Wo ist…?“ Bevor er die Frage zu Ende stellen konnte, ertönte der Bass: „Sag erstmal die Losung.“ Zum Zwecke solcher Treffen, bei denen Dinge besprochen wurden, die nicht für jedermanns Ohren bestimmt waren, hatten sie sich zwei Losungen ausgemacht. Die eine besagte, dass alles in Ordnung war, die andere indes, dass derjenige nicht aus freien Stücken kam und/oder es Lauscher gab und sie entsprechend darauf reagieren konnten. Diesmal waren sie in Sicherheit und unbehelligt. Der Bass löste sich endgültig vom Stamm und nun zeigte sich, dass er von kräftiger Statur war mit einer Neigung zur Fettleibigkeit. Man sollte allerdings nicht den Fehler begehen und dies als Gutmütigkeit und angehende Trägheit des Alters werten. Eiserner Wille und Verschlagenheit verbargen sich dahinter, gut verborgen hinter einer Maske des Wohltäters.

„Also, was gibt es denn, dass du uns so plötzlich her bittest?“ Der Neuankömmling, kleiner und gedungener als die anderen beiden, ließ seinen Blick zwischen ihnen hin und her wandern, als überlege er, was er sagen sollte. „Nun?“ fragte der Bass nochmals nach, diesmal deutlich ungeduldig. Das lockerte ihm die Zunge: „Er ist wieder da. Lohenberg, er ist wieder da.“ Dieser Nachricht folgte verblüfftes Schweigen. „Blödsinn!“ entfuhr es da dem Schlaksigen, doch nicht nur Unglaube, auch leise Furcht schwang in dem Wort mit, unwillkürlich sah er zur Seite, damit er von dem Schatten die Bestätigung bekam. Der andere war weniger leicht zu erschüttern, seine Stimme war fest, als er antwortete: „Lohenberg ist tot, wir haben ihn mit eigenen Augen brennen sehen.“ Der Kleine schüttelte energisch den Kopf. „Nicht dieser Lohenberg, sein Neffe, ich habe ihn heute gesehen, als ich aus dem Wirtshaus kam. Da stand er einfach plötzlich vor mir!“ Hastig sprudelten die Worte aus seinem Mund, seine Aufregung angesichts dieser Neuigkeiten war ihm deutlich anzumerken und es war nicht Freude, die damit einherging. Man konnte fast hören, wie sich die Augenbrauen des Kräftigeren zusammen zogen. „Bist du sicher? Es könnte ja auch nur…“ Er wurde unterbrochen. „Ich bin sicher. Er sieht dem alten Lohenberg wie aus dem Gesicht geschnitten aus. Es gibt keinen Zweifel und er sah so aus, als ob er bleiben wolle.“ Der Schlaksige sog hörbar die Luft ein, doch beide warteten auf die Reaktion des Dritten im Bunde. Dieser musste einsehen, dass wohl kein Irrtum vorlag, die Alten hatten immer gesagt, dass Friedrich von Lohenberg aussah wie sein alter Herr und der Neffe kam offenbar ebenfalls nach dem Großvater.

„Verdammt, wer hätte je gedacht, dass dieser Spund hier eines Tages aufkreuzen würde.“ – „Und was machen wir jetzt?“ Das war der springende Punkt, denn die Ankunft eines Lohenbergs bedeutete Ärger, die Sorglosigkeit, an die sich die drei Männer schon gewöhnt hatten, war vorbei. „Wir müssen ihn loswerden!“ drängte der Kleine und machte unwillkürlich einen Schritt nach vorne. „Und wie willst du das anstellen, ihn einfach ermorden?“ kam es da höhnisch vom Bass, gefolgt von einer unwirschen Handbewegung. „Nein, das würde zu viel Aufmerksamkeit erregen. Wir müssen den Erzbischof benachrichtigen, uns bleibt keine andere Wahl.“ Das war leichter gesagt als getan, verweilte der Kirchenmann doch nicht hier, sondern war irgendwo unterwegs und Auskünfte konnten schon wieder veraltet sein, bis man ankam. Dennoch widersprachen die anderen nicht, vertrauten sie doch darauf, dass der Erzbischof eine Lösung finden würde. Ganz zufrieden waren sie allerdings auch nicht. „Wir werden einen Boten schicken, aber das kann unter Umständen Wochen dauern. Wir können in der Zwischenzeit doch nicht einfach tatenlos bleiben und nur hoffen“, wandte der Große ein und traf damit einen wunden Punkt. „Wenn wir doch nur dieses verdammte Dokument damals gefunden hätten!“ knurrte der Bass und das Kleine warf schüchtern ein: „Aber es ist doch sicher verbrannt oder die Ratten haben es inzwischen gefressen.“ Energisch schüttelte der anderen den Kopf. „Wir können uns nicht darauf verlassen, wir müssen damit rechnen, dass der alte Lohenberg ein sicheres Versteck dafür hatte. Du hast Recht“, fügte er an den Schlaksigen gewandt hinzu, „wir müssen ihn irgendwie beschäftigen, bevor er zuviel Ordnung in seinem Haus schafft. Und ich habe da auch schon eine Idee…“

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