Jilody’s Blog

Nemo me impune lacessit

Kapitel 2

PDF

- 2 -

„Was ist denn hier los?“ mischte sich eine neue Stimme ein und beide wandten den Kopf. Unbemerkt hatte sich jemand genähert, offenbar aus einer Seitengasse heraustretend, als er die seltsame Begegnung zwischen den Männern gesehen hatte. Seine Kleidung wies ihn als Priester aus und verlieh ihm stille Autorität, auffälliger aber war sein Haar. Seinem Stand entsprechend war es kurz, doch selbst dann noch leuchtete es in einem hellen Blond, wie er es noch nie gesehen hatte. Im Sonnenlicht funkelte es wahrscheinlich wie das reinste Gold. Der Bauer beantwortete stammelnd seine Frage: „Ein Geist, ein Geist, Vater! Dieser Mann ist schon lange tot!“ Der Priester besah sich prüfend den angeblichen Geist und der Mann erwiderte seinen Blick offen. „Mir erscheint er aus Fleisch und Blut. Er schaut nicht aus wie eine Erscheinung.“ Der andere zeigte zitternd mit dem Finger auf den Fremden, doch bevor er mehr hervorstottern konnte, sprach jener selbst. „Dieser Mann verwechselt mich, Vater. Mein Onkel lebte lange hier, ich sehe ihm wohl sehr ähnlich.“ Damit war die Sache für ihn geklärt, zufrieden nickte er. „Siehst du, kein böser Geist. Geh nach Hause, Heinrich, und schlaf deinen Rausch aus. Und ihr, ihr kommt mit mir, ihr seht so aus, als könntet ihr einen Schluck Wein vertragen. Hattet ihr eine lange Reise?“ Bevor eine Antwort erfolgen konnte, hatte er ihm schon die Hand auf die Schulter gelegt und führte ihn fort vom Platz, zur Kirche, wie er erkannte.

„Wie ist euer Name?“ Die Neugier war dezent, die Frage freundlich. Zum ersten Mal besah sich der Fremde den Priester genauer. Er war noch jung, etwa in seinem Alter, also Mitte 20, und hatte seinen Onkel offenbar nicht gekannt. Sein Ausdruck war offen und vertrauenswürdig, wie geschaffen für seinen Beruf. „Mein Name ist Benedict, Vater, mein Onkel war Friedrich von Lohenberg.“ Aufmerksam studierte er die Miene seines Gegenübers, als er den Namen nannte. Wenngleich er ihn nicht gekannt haben dürfte, hatte er doch offenbar von ihm gehört, seine Augenbrauen wanderten nach oben. „Der Arzt, den sie…?“ Er sprach den Satz nicht zu Ende, doch Benedict wusste auch so, was er sagen wollte. Er nickte, sagte aber nichts darauf.

 

Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück, nur einmal noch sprach der Priester, als er sich seinerseits als Gabriel vorstellte. Die Kirche baute sich schließlich vor ihnen auf, doch sein Führer hielt nicht darauf zu, sondern wandte sich nach links, einem Häuschen entgegen, das wohl das Heim des Priesters war. Er schloss die Tür auf, führte Mensch und Tier hinein, letzteres weiter auf den Hinterhof, wo ein Unterstand zumindest etwas vor dem Wetter schützte. Benedict selbst hieß er am Tisch Platz zu nehmen, schürte das Feuer, nachdem die Temperaturen nach den anhaltenden Regenfällen deutlich gesunken waren, dann trug er einen Krug Wein auf, etwas Brot, Käse und kaltes Fleisch. „Greift zu, es ist nicht viel, doch der hungrige Magen wird es nicht verschmähen.“ Gutmütig zwinkerte Gabriel ihm zu und genehmigte sich auch selbst einen Schluck des Weines. Benedict ließ sich nicht lange bitten und ein paar Minuten konzentrierten sie sich nur auf das Mahl. Dann setzte der Priester das Gespräch fort, als hätten sie es nie unterbrochen. „Und ihr, seid ihr auch ein Arzt?“ Die Frage erschien ihm wichtiger als die anderen Geschichten, die sich um seinen Onkel rankten. „Das bin ich in der Tat.“ In den Augen des jungen Gottesmannes leuchtete es auf. „Ich bin froh, das zu hören, viel zu lange haben wir einen guten Arzt entbehrt.“ Benedict sah auf, die Überraschung war ihm deutlich anzusehen, was Gabriel zu einem leisen Lachen verleitete. „Oh, ich weiß, ich kenne die Geschichten über Friedrich von Lohenberg, doch ich beurteile einen Menschen nicht aufgrund seiner Verwandtschaftsverhältnisse, allenfalls, was ihr Talent betrifft.“ Tatsächlich schien er jene Geschichten mit einer Handbewegung abzutun und genau das verblüffte den jungen Mann mehr als alles andere. „Das sagt ausgerecht ihr, ein Mann der Kirche? Genau sein Talent war es, das ihm dieses Schicksal eingebracht hat.“ Das Gesicht des Priesters wurde ernst, bedächtig verschränkte er die Finger und legte sie vor sich auf den Tisch.


„Wie ihr euch denken könnt, war ich noch nicht hier, als das passierte. Was andere entschieden haben, mag richtig oder falsch gewesen sein, ich selbst wage in diesem Fall kein Urteil. Von so vielen habe ich gehört, wie er ihnen geholfen hat und wie sie nicht glauben konnten, was man ihm vorgeworfen hatte, auch wenn sonst niemand ihnen Gehör schenken wollte. Die meisten aber glaubten den Geschichten und verdammten ihn als Ketzer und Teufelsanbeter. Wenn es die Wahrheit war, dann ist ihm die gerechte Strafe widerfahren, war er unschuldig, so verweilt er nun an der Seite Gottes, auch wenn es ein Verlust für die Menschen hier war.“ Eine überraschend kaltblütige Auffassung, die letztlich nur von seinem leisen Seufzen gemildert wurde, aus dem mehr Mitgefühl sprach als aus seinen Worten.

„Was nun euch betrifft“, fuhr er schließlich fort, „so sehe ich die Hoffnung auf einen Heiler des Körpers und nicht einen Geist der Vergangenheit.“ Er spielte auf die Szene am Hauptplatz an und sie zeigte beiden deutlich, dass die meisten Bewohner die Sache nicht so sehen würden. Aber Benedict hatte damit gerechnet, dass das passieren könnte. Doch konnte es nicht schlimmer sein als das, was ihm das Schicksal in der Vergangenheit bereits zugedacht hatte. Er zuckte mit den Schultern. „Wir werden sehen, was die Zukunft bringen wird, aber die Zeiten sind schlecht.“ Gabriel hörte alte Verbitterung aus den Worten und legte den Kopf schief. Er fragte sich, was diesen jungen Mann so vergrämt hatte, wagte aber zum jetzigen Zeitpunkt keine entsprechende Bemerkung. Dennoch widersprach er. „Nein, die Zeit ist eine Schöpfung Gottes und von Natur aus gut. Nur die Menschen sind schlecht.“ Sein Gegenüber gab ihm still Recht, wenngleich er es nicht aussprach. „Eine sehr pessimistische Ansicht für einen jungen Priester. Ist nicht auch der Mensch eine Schöpfung Gottes?“ Ein Lächeln huschte über seine Züge. „Ganz recht, und würden sich die Menschen wieder darauf besinnen, dann könnten sie wahrlich die Kinder Gottes sein und Größeres tun als Christus einst, so wie er es uns verheißen hat.“ Benedict brummte zur Antwort, er war nicht gewillt, sich auf eine Diskussion einzulassen und Gabriel sah es ihm nach.

 

„Ihr werdet müde sein von der Reise, habt ihr eine Unterkunft? Ansonsten könnte ich euch…“ Mit einer abwehrenden Handbewegung wurde er unterbrochen. „Ich danke euch für das Angebot und für eure Gastfreundschaft, doch ich werde das Haus meines Onkels beziehen.“ Der Priester war nicht darüber verärgert, doch leichte Sorge mischte sich in seinen Blick. „Seid ihr sicher? Das Haus, es stand lange leer und ist nicht gerade im besten Zustand. Wollt ihr nicht doch…?“ Doch Benedict schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, Vater, ich bin wirklich dankbar für eure Freundlichkeit, doch ich werde gehen.“ Gabriel sah ein, dass er seinen Gast nicht würde umstimmen können und so holte er das Maultier und geleitete ihn zur Tür, wo sie sich verabschiedeten. Benedict hatte darauf verzichtet, dass der Priester ihm den Weg persönlich zeigte und mit einem letzten Dank ging er los. Die Nacht war inzwischen hereingebrochen, doch war die Wolkendecke über ihm tatsächlich aufgerissen und der Mond spendete kaltes Licht, sodass er einigermaßen sehen konnte, wo es ihn hinführte. Während er durch die Straßen wanderte, sein Lasttier weit weniger willig als noch am Nachmittag mit sich führend, spürte er weit über sich das drückende Misstrauen der Burg, die scheinbar jeden seiner Schritte beobachtete.

PDF

Bisher keine Kommentare »

Dein Beitrag

HTML-Tags:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>