Jilody’s Blog

Nemo me impune lacessit

Kapitel 1

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Das Platschen, mit dem der Fuß zielsicher in die fast knöcheltiefe Pfütze trat, übertönte sogar das Strömen des Regens. Mit einem verhaltenen Fluch wurde das Bein zurückgezogen und der Fuß geschüttelt, als ob das einen Unterschied machen würde, war der Mann ohnehin bereits vollkommen durchnässt. Seit fünf Tagen wanderte er praktisch durch einen Dauerregen, bei dem sich nur die Größe und Dichte der herabfallenden Tropfen verändert hatten. Die Wolkendecke selbst war nie aufgerissen, so dass die Sonne nie die Möglichkeit besessen hatte, etwas Licht und Wärme auf die Erde zu senden. Die Folge war, dass er, wenn er nicht in einem Kloster oder bei einem freundlichen Bauer eine trockene Unterkunft hatte erbetteln können, und wenn es nur das Stroh im Stall gewesen war, ständig bis auf die Knochen durchnässt war und von klammer Kälte erfüllt. Dem Maultier, das mit seinem wenigen Gepäck beladen war, ging es nicht viel besser. Traurig ließ es den Kopf hängen, die Mähne war verflitzt, das Fell glänzte in der Nässe. Dennoch trottete es willig weiter, als der Mann den Strick in die andere Hand und zugleich die Seite wechselte und weiter zog. Über ihm lichtete sich die kompakte Wolkendecke für einen Moment und ein einzelner Sonnenstrahl zeigte sich, doch er machte sich keine falschen Hoffnungen. Der Regen hatte seine Kraft noch nicht verbraucht, vielmehr wollte er alle narren, ehe er erneut in voller Macht losschlug, die Welt unter sich in einer zweiten Sintflut zu überschwemmen.

 

Der Weg führte einen kleinen Hügel hinauf, machte eine Biegung, dann erstreckte sich das Land vor ihm in einer weiten Ebene. Trotz des Regens blieb der Mann stehen und zog die Kapuze zurück, die ihn ohnehin nicht mehr vor der Nässe bewahren konnte, doch konnte nun Wind und Regen ungehindert mit seinem dunklen Haar spielen, dessen Strähnen ihm schwer auf Stirn und Wangen klebten. Stolz und hoheitsvoll sei sie, strahlend und eine Freude für das Auge, hatten sie gesagt. Davon war jetzt nichts zu sehen. In der vor ihm liegenden Ebene ragte ein kleiner Berg in der Mitte empor, gekrönt von der Burg, die die am Fuße liegende Stadt und das Land ringsum beherrschte. Salz hatte den Burgherren reich gemacht, das linker Hand aus dem nicht weit entfernten Fels gewonnen wurde, der das Tal umschloss, und so wie das weiße Gold war auch die Festung von der gleichen Farbe. Auch das hatten sie ihm erzählt, durch den Regenschleier war die protzige Burg allerdings nur deshalb als solche zu erkennen, weil sie sich aufgrund des hellen Steins deutlich vom dunklen Fels und Bäumen abhob. Abweisend wirkte sie mit den grauen, dunklen Wolken im Hintergrund, wie ein Raubtier, das misstrauisch seine Grenzen bewacht, bereit, jeden Eindringling mit Zähnen und Klauen davonzujagen.

Die Stadt, eigentlich nur ein besseres Dorf, das sich sowohl an Fels als auch an den Fluss anschmiegte, der die Häuserreihen teilte, hätte ebenfalls reich sein können, Wohnstätte wohlhabender Kaufleute und Händler, doch nichts dergleichen war der Fall. Zwar wurde das Salz von hier verschifft, verkauft wurde es jedoch in der nächsten Stadt, ebenfalls Einflussbereich der Burg, doch hatten die Bewohner hier nichts davon. Sie lebten hauptsächlich von der Landwirtschaft, wie die weiten Felder rundherum bewiesen, und lebten nicht besser als viele andere Dörfer.

 

Das Maultier neben dem Mann stampfte ungeduldig auf, ein warmer Stall schien nahe zu sein, die Aussicht auf frisches Heu und Stroh, Wärme und Trockenheit. Gedankenverloren tätschelte er dem Tier den Hals, machte jedoch keinerlei Anstalten, den Weg fortzusetzen. Mit dem Anblick des Tals und der über allem thronenden Burg waren Erinnerungen auf ihn eingestürzt, sie drückten auf sein Gemüt und ließen sein Gesicht finster werden, die sonst so leuchtenden grünen Augen waren fast schwarz geworden. Er krallte sich regelrecht an dem Zaumzeug fest, dass sich seine Finger in die Handfläche bohrten, bis er sich zwang, den Griff wieder zu lockern. Tief atmete er durch, einem Seufzer gleich entwich die Luft wieder seiner Lunge, doch war es keine Resignation, vielmehr Zeichen des Willens jetzt nicht kehrtzumachen. Mit einem Ruck marschierte er weiter, Schritt für Schritt näherte er sich dem Dorf, immer argwöhnisch von der Festung beäugt, doch abwartend, was seine Ankunft hervorrufen würde. Ein Schauer durchlief seinen Körper, vielleicht aber auch nur von einem plötzlichen Windstoß hervorgerufen, dem weder Kleidung noch Mantel etwas entgegensetzen konnten.

 

Die Entfernung hatte getäuscht, fast eine Stunde war er noch unterwegs, ehe er die ersten Häuser passierte, die ein wenig außerhalb standen, doch immerhin hatte der Regen nachgelassen, nur ein sanftes Nieseln war geblieben. Er näherte sich dem Kern, sein Ziel war das größte Gebäude hier und das einzige, das vollkommen aus Stein bestand: die Kirche. Der Turm ragte wie ein anzeigender Finger in die Luft und wurde doch von Regen, Wind und Wetter nur belächelt. Allerdings versprach dieser Ort eine kurze Zuflucht zu sein, bevor er die letzten Schritte tun würde. Außerdem würde er sich von dort orientieren können.

Die Spitze des Turms leitete ihn durch die Gassen, vorbei an den Häusern, bei denen nur flackerndes Licht anzeigte, dass es noch Bewohner gab, die angesichts des Wetters rein häuslichen Tätigkeiten nachgingen. Keiner sah hinaus, niemand bemerkte ihn, während er sich vorwärts arbeitete durch den Schlamm, der schon lange Besitz von Stiefel und Mantelsaum ergriffen hatte, bis er zum Hauptplatz kam. Er verharrte, sein Blick wurde abgelenkt, denn obgleich die Stadt scheinbar ausgestorben zu sein schien, zeigte sich nun, wo sich das meiste Leben versammelt hatte. Aus einem Wirtshaus zu seiner Rechten drang heller Schein, Musik klang dumpf heraus, offenbar hatte ein Spielmann hier Zuflucht vor dem Regen gesucht und die Welt der einfachen Leute dem der Burg vorgezogen. Lachen und Lärmen war zu vernehmen, die Menschen schienen ausgelassen. Der Fremde mit dem Tier an seiner Seite sah eine ganze Weile zu dem Haus, aber er hatte keinen Impuls es zu betreten, war er doch noch nicht bereit, den Menschen zu begegnen. Bevor er sich allerdings wieder auf den Weg zur Kirche machen konnte, öffnete sich die Tür des Wirtshauses. Ein Schwall dunstiger Luft wehte auf den Platz und ein Mann kam herausgetaumelt, noch immer eine Flasche in der Hand, mit der anderen wedelte er fahrig einen Abschied. Vielleicht winkte er auch nur eine lästige Bemerkung ab, denn für den Moment schwoll das Lachen an, dann schloss sich die Tür und die Geräusche wurden wieder gedämpfter. Der Mann schritt aus, geradewegs auf den Fremden zu, aber erst nach ein paar Schritten bemerkte er, dass er nicht allein hier im Regen stand. Verdutzt blieb er stehen, ihre Blicke trafen sich, hatte der Neuankömmling seine Kapuze doch nicht wieder aufgesetzt. Im verbliebenen Tageslicht konnte er sein Gesicht erkennen. Dumpf fiel die Flasche auf den Boden in den Schlamm, doch davon merkte der Bauer nichts. Er zitterte am ganzen Körper, sämtliche Farbe war plötzlich aus seinem Gesicht gewichen, nur die rote Nase, die von zuviel Alkoholgenuss zeugte, leuchtete noch durch das Zwielicht. In den Augen flackerte Furcht, während er entsetzt einen Schritt zurücktaumelte, als stünde der Leibhaftige vor ihm. Er bekreuzigte sich. „Allmächtiger, steh mir bei!“

 

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