Jilody’s Blog

Nemo me impune lacessit

Richtworte – Seite 275 -

Aus dem Dunkel trat eine düstere Gestalt. Die Finsternis zweier weiter Robenärmel gab Hände preis, deren Finger nach einem alten Buch griffen. Die Lettern auf seinem Einband, von Staub und Zeit zum Verfall verdammt, machten den Titel unlesbar. Vergessen für all jene, die ihn nicht kannten. Sachte, beinahe zärtlich hob der Schatten die Kostbarkeit vor die Nacht unter seiner Robenkapuze. Eine Hand hielt den Buchrücken, die andere schlug die Seiten auf, blätterte und fand rasch die gesuchten Worte.

Die Vergessenen
Buch der Zeit – Gericht über Wandlung und Ende
Seite 275

Und es verblasst. Vergehen wird, wer nicht glaubt und glauben wird, wer schon vergangen ist. Zu spät die Stunde, in der Erkenntnis folgt und Worte allein werden die Wunden nicht schließen. Während sich Abgründe auftun und Steine geworfen werden, die Blicke zu Erde gerichtet und die Hoffnung davon getragen, sind es die kleinen Dinge, jene, die man übersieht, die das Schicksal wenden oder nicht. Und sie alle übersehen.
Sie sandten Gebete zu den Göttern und blieben blind für alles, aber vor allem für die Zeit. Denn sie war längst unter ihnen, existierte und verweilte.

Als Lerenvherl, aus Feuer, Klang und Finsternis geboren, sich in seiner ganzen Pracht erhobt, zuckten die anderen Götter aus Furcht zusammen. Doch miteinander, so glaubten sie, konnten sie gegen das Übel anhalten. Sie verloren den Kampf und mussten ihren Hochmut durch Sklaverei bitter bezahlen. Fortan sollte es Lerenvherl sein, der über die Götter und die Welt der Sterblichen herrschte. Er brachte die Verdammnis über Leben und sogar Tod. Über das Dies- und auch das Jenseits. Sicher davor war nur, wer nicht existierte, und so fiel die Welt von damals in einen tiefen, ruhelosen Schlaf. Es gab nichts mehr, das Lerenvherl nieder ringen konnte. Doch dann begann der Wandel, unaufhaltsam – und das Dunkel fiel über seine Existenz, als er erkannte, dass jenes, das nicht greifbar, ihm zum Verhängnis werden sollte. Denn selbst dort, wo nichts mehr sein wird, kann die Zeit sich unbehelligt aufhalten und einen erneuten Wandel herbeirufen.

Das Buch schloss sich, die Hand strich über das alte Leder. Sie war noch älter als die Seiten, die Tinte, ja gar die Worte, welche niedergeschrieben worden waren. Älter als der schwere Staub und jede Silbe, an die sich die Moderne erinnern kann.

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