Jilody’s Blog

Nemo me impune lacessit

Kapitel 3

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Geistesabwesend ließ Juely ihren Blick über das bizarre Schauspiel wandern. Einige Polizisten in ihrer Nähe schrieen Befehle und bemühten sich tunlichst eine Absperrung aufrecht zu erhalten. Neben den gewöhnlichen Schaulustigen drängten nun auch noch Medientätige aller Art heran. Der Staub des gestürzten Gebäudes brannte in Auge und Nase, der Lärm von Sirenen und Menschen schwoll zu schier unerträglicher Lautstärke an.

Irgendwann verstummte alles. Um Juely schien sich ein Hauch von Wahnsinn zu legen, eines Tuches gleich. Ihr Blick verschwamm, während sie einen Feuerwehrmann beobachtete, der sich ein Megafon zur Hilfe nahm, um seinen scheins ungeachteten Anordnungen mehr Ausdruck zu verleihen.

Doch Juely hörte nichts.

Übelkeit stieg in ihr auf und auch das dringende Bedürfnis einfach davon zu laufen. Doch wohin? Oder vielmehr – wozu? Ziele würden sich finden, aber konnte man vor Gedanken flüchten? Wirre Bilder schossen ihr durch den Kopf und ließen ihr Herz unregelmäßig schlagen, Schwindel überkam sie und dann – ganz plötzlich – legte sich ihr eine Hand auf die Schulter. Die junge Frau zuckte heftig unter der Berührung zusammen, als sie aus ihrer Trance gerissen wurde. Sie blinzelte, als blicke sie in diesem Moment zum ersten Mal auf die Welt, und zog die Augenbrauen zusammen, wodurch eine tiefe Furche auf ihrer Stirn entstand. Juely hob die Hände, als die Geräuschkulisse, die sie bisher wie aus weiter Ferne wahrgenommen hatte, nun mit all ihrer Wucht auf sie nieder brach-. Dann erst erfasste sie die Frau, welche ihre Hand wieder zurückgezogen hatte und sie ansah. »Alles in Ordnung?«, fragte sie brüllenderweise, um den Lärm zu übertönen, und blickte besorgt. Juely sah noch einen Moment länger verwirrt drein, riss sich dann zusammen, nahm die Hände von den Ohren und nickte. »Wunderbar!«, hob die Fremde erneut an. »Dann können Sie uns sicherlich ein Interview geben. Nun, erzählen sie, was denken sie über diesen Vorfall?« Ein Mikrofon schob sich unter Juelys Nase, sie blickte den schwarzen Poppschutz misstrauisch schielend an. Dann erst erkannte sie das Kamerateam hinter der fein gekleideten Dame. Ein Schriftzug auf der Jacke des Kameramanns verriet den Sender Lancisburgh TV. »Ähm, nun ich… ich war dabei.« Kaum hatte Juely den Satz beendet, ergriff erneut die Moderatorin das Wort. »Sie waren DABEI!?«, kreischte sie beinahe. »Unglaublich! Was ist geschehen, was können sie zu den aktuellen Gerüchten sagen und wie fühlen sie sich?« Auch dieses Mal zuckte Juely reflexartig zurück und konnte das Schielen nicht unterdrücken, als ihr der Sprechstab erneut entgegen schoss. Sie schüttelte schnell den Kopf. Überfordert von so vielen Fragen, fasste sie sich bedeutend kurz: »Es war ein Zwerg.«

 

Für vielleicht drei weitere Sekunden hielt die Moderatorin ihr künstliches Lächeln bei. Dann schwand es, nur um kurz darauf in einem noch künstlicheren, hysterischen Lachen wieder aufzuerstehen. »Nun…«, Sie gluckste amüsiert. »Sie haben trotz der zweifellos schlimmen Erlebnisse ihren Humor nicht verloren. Reizend. Aber kommen wir auf den Ernst der Lage zurück…«

Nachdem Juely den Reflex, in das Mikrofon zu beißen, überwunden hatte, wiederholte sie ihre Antwort in nachdrücklicher Tonlage: »Es war ein Zwerg.«

Es blieb einige Momente ruhig auf Seiten des Fernsehens. Der Kameramann löste sein Auge verwirrt vom Sucher der Kamera und wechselte Hilfe suchende Blicke mit seinem Assistenten und der Moderatorin. Diese jedoch würdigte ihn keines Blickes. Stattdessen hob sie die Hand und schrie: „CUT!“ Sich einen letzten empörten Blick nicht nehmen lassend, machte sie auf der Stelle kehrt und stapfte davon, wobei sie beinahe den Kameramann mitsamt Tonassistenten von den Füßen riss. Juely hörte sie noch etwas von »unverschämten Idioten, die unbedingt ins Fernsehen wollen und dafür jeden Blödsinn abhalten würden« meckern, bevor sie und ihr Team in der Menge verschwand.

Schließlich entschied auch sie sich dafür, diesen Ort zu verlassen. Sie konnte nicht davon laufen, aber die Trümmer und die Hektik hier trugen auch nicht zu ihrer Beruhigung bei. Sie musste nachdenken – über sich und ihren Verstand.

Viele Schritte später, die Rauchsäule im Rücken und den Lärm hinter sich lassend, schmunzelte Juely bei der Vorstellung, wie die Lancisburgh TV Moderatorin wohl dreinsehen mochte, würde sie erfahren, wie recht Juely mit ihren Worten hatte.

 

Zwar lag das Hauptaugenmerk des Spektakels im Stadtkern, dort wo Juely herkam, jedoch auch viele Straßen weiter begegnete man immer noch Polizeistreifen, die sich auf dem Weg zum Kaufhaus befanden. Die größeren Straßen waren längst nicht mehr passierbar, zu viele versuchten einen Blick auf das eingestürzte Kaufhaus zu erhaschen. So war man auch in abgelegenen Gassen wie dieser vor Sirenen nicht gefeit. Abgesehen davon war es hier aber absolut ruhig. Es geschah quasi nichts und seit mehreren Minuten war Juely keiner Menschenseele mehr begegnet. Tatsächlich, unter normalen Umständen wäre sie niemals dieser Wege gegangen, doch bis vor wenigen Momenten hatte sie sich über die Frage – wohin sie ihre Beine trugen – keinerlei Gedanken gemacht.

Nachdenklich blieb Juely stehen. Sie musterte eine Polizeistation auf der anderen Straßenseite. Unruhig trat sie vom einen auf das andere Bein. Vielleicht war es das Beste dort hinein zu gehen und einfach die Wahrheit zu sagen. Doch wie man auf die Wahrheit reagierte, hatte Juely gerade erst erlebt. Sie schüttelte den Kopf. Wenn sie es kaum wagte ihrer eigenen Erinnerung zu glauben, wie sollte ein anderer es tun? Gerade als sie ihren Weg ins Nirgendwo wieder aufnehmen wollte, nahm ihr ein plötzlicher Stoß die Luft zum Atmen und beinahe auch das Bewusstsein. Unvorbereitet stürzte sie einige Schritte nach vorne und fing sich im letzten Moment. Mitten auf der Straße kam sie so zum Stehen und drehte sich mit wütender Miene um. »Ey!«, schrie sie dem Unbekannten entgegen. »Was zur Hölle…« Juely hielt den Atem an. Die Wut wich aus ihren Zügen und machte schier endloser Fassungslosigkeit Platz. Aus weit aufgerissenen Augen starrte sie den Fremden an. »Das gibt’s doch nicht«, keuchte sie und wich noch einen Schritt zurück. »Ich kenne sie!«

 

Ein ausgestreckter Zeigefinger deutete auf Revner. Er blickte teilnahmslos die junge Frau an, welche er beinahe versehentlich von den Füßen geholt hätte. Eine seiner Augenbrauen wanderte in die Höhe. »Nun… wäre ich nicht ich, so würde ich mich sicherlich auch kennen«, antwortete er auf das Entsetzen der kleinen Dame und setzte in Gedanken nach: Wo ich aber ich bin, habe ich eher das Gefühl, mich manchmal nicht gut genug zu kennen.

»Sie… Sie sind ein…«, stotterte Juely.

»Ein Mörder, Dieb, Spion, Verräter. Nun, denk dir etwas aus, ich bin sicher, es findet sich bereits auf der langen Liste meines Steckbriefes. Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal, welcher zur Zeit aktuell ist, also verzeih mir die Frage danach: Als wen kennst du mich?«

»Mörder…« Juely flüsterte mehr, als dass sie es wirklich aussprach.

»Ahh«, sagte Revner und verbeugte sich mit einem zynischem Lächeln. »Nun denn, Revner – Mörder. Mit wem habe ich das Vergnügen?«

Die junge Frau brachte kein Wort hervor. Ihre Kehle schien wie verschnürt. Auch mehrmaliges Schlucken änderte nichts an diesem Zustand. Der nächste Impuls wäre gewesen, die Beine in die Hand zu nehmen, um das Weite zu suchen. Aber auch diese schienen ihr nicht mehr zu gehorchen. Eigentlich war sie immer recht mutig gewesen, aber Angesicht zu Angesicht mit einem mehrfachen Mörder, verlor sie doch etwas die Kontrolle. Schweiß brach auf ihrer Stirn aus.

Revner erhob sich und blickte die Fremde an. »Aber nicht doch. Ich bin… sozusagen gerade nicht im Dienst. Das eben tut mir übrigens leid.«

Juely gab einen Ton von sich, der irgendwo zwischen einem Kreischen und dem Geräusch, das ein altes Scharnier von sich gab, lag, aber wohl ein verunglücktes Lachen darstellte.

»Aber vor ein paar Tagen saßen Sie doch noch hinter Gittern?«, würgte sie dann hervor. Revner richtete den Blick bedauernd zu Boden.

»Jaa…«, seufzte er. »Unglücklicher Vorfall. Ich wurde abgelenkt.«

 

Als er wieder aufsah, hoben sich seine Mundwinkel zu einem Grinsen. »Du bist ziemlich nervös, oder?«, fragte er beim Anblick der zitternden Hände.

»Das liegt nicht an Ihnen… «, antwortete Juely. Ihr Blick veränderte sich plötzlich. Ein genervt, deprimierter Ausdruck machte sich auf ihren Zügen breit. »Ich sah einen Zwerg – er hat ein Kaufhaus niedergerissen.«

Revner sah die Frau einige Momente verständnislos, jedoch ernst an. Sein Bewusstsein mühte sich verzweifelt damit ab, den eben gesagten Worten einen Sinn abzuringen oder eine versteckte Bedeutung zu erkennen. Dann brach er in schallendes Gelächter aus, dämmte seine Stimme jedoch fast im selben Moment wieder und zwang sich, das Lachen zu unterdrücken. Dass in der Polizeistation nicht weit von ihnen alle bis über beide Ohren beschäftigt waren, hieß noch lange nicht, dass keiner von ihnen aus dem Fenster sehen würde. Als spiele das Schicksal ihm einen Streich, jagte sein Blick im nächsten Moment zur Seite, als ein Wagen um die Ecke schoss und das blecherne Heulen einer Sirene angestellt wurde.

Es blieb keine Zeit, um sich zu verstecken, das Fahrzeug schoss direkt auf sie zu. Da Juely mitten auf der Straße stand und ihren Schock unübersehbar noch nicht überwunden hatte, musste der Beamte am Steuer so scharf bremsen, dass der Wagen einige wenige Meter ins Schleudern kam, bevor er im Stillstand verharrte. Juely hatte sich unterdessen nicht gerührt. Sie sah dem Wagen entgegen, als wäre dieser nur ein weiterer böser Traum. Revner hingegen schaltete schnell genug. Jetzt, da gleich zwei Beamte unmittelbar vor ihm standen und zudem auch noch ausstiegen, sanken seine Chancen nicht erkannt zu werden ins beträchtlich Bodenlose. Er sprang einige weit ausholende Schritte zur Seite, schnappte sich den Arm der Frau auf der Straße und hielt sie vor sich als lebendes Schutzschild. »Siehst du, das passiert, wenn man abgelenkt wird. Obwohl die Zwergensache eben beileibe eine der besten Ablenkungen war, die mir in der langen Reihe trauriger Ablenkungsgeschichten je widerfahren ist.« Er schnaubte. Natürlich alarmierte das Verhalten des Mannes die Polizisten und sie erkannten den Mann noch bevor sie ihre Waffen gezogen hatten. Doch sie schossen nicht. Revner hielt seinerseits eine Pistole an die Schläfe seiner Geisel. Dies tat ihm beinahe aufrichtig leid, denn die junge Dame hatte ihm eigentlich gefallen. Ein Date konnte er jetzt wohl vergessen. Trotzdem legte er seinen Arm um sie, wenn auch aus ganz anderen Motiven.

»Fallenlassen!«, brüllte einer der Männer. Revner ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken. Sie würden nicht schießen, nicht solange er die Frau so vor sich hielt. Ihnen blieb faktisch keine Möglichkeit, um sicher zu zielen und das Risiko für das Opfer war damit für einen Schuss nicht tragbar. Langsam bewegte er sich auf die Tür zu, aus der er vor einigen Augenblicken noch heraus getreten war. Viel zu schnell und unvorsichtig, wie er sich jetzt eingestehen musste.

 

Als sie langsamen Schrittes im Treppenaufgang verschwanden, konnte Revner den Funkspruch noch hören, den einer der Beamten losließ. Sie riefen nach Verstärkung. Einer von ihnen hatte sich am Eingang platziert, der Lauf seiner Pistole deutete direkt auf ihn und seine Geisel. Nach einigen Treppenstufen jedoch brach der Blickkontakt der beiden Männer ab und der Flüchtige ließ den Arm von Juely los, nur um erneut den ihren zu greifen und sie hinter sich her zu ziehen. Sie stolperte, angesichts der Waffe in Revners Hand, die Stufen gehorsam hinauf und gab ab und an einen keuchenden Laut von sich. Als beide das erste Stockwerk und damit eine Ebene mit fünf Türen erreicht hatten, verharrte Revner einige Momente, bevor er zielstrebig auf eine zuging, sie öffnete, die junge Frau mehr oder weniger hindurch warf, selbst durchschritt und die Tür schließlich hinter sich zuschlug. Er seufzte. Eine Flucht hatte er für diesen Tag nicht vorgesehen, jedoch die Männer dort unten und jene, die noch auf dem Weg waren, würden sich von diesem Argument nicht überzeugen lassen.

»Was wollen sie von mir?«, fragte die junge Frau. Revner sah sie beinahe verwundert an. Sie zitterte unübersehbar, aus ihren Wangen war jegliche Farbe gewichen und ihre Augen waren in Angst geweitet, den Toten betrachtend, der neben einem Stuhl auf dem Boden lag. Er überlegte einen Moment angestrengt, runzelte die Stirn und sah sich dabei konzentriert um. Dann ging er mit schnellen Schritten auf die junge Frau zu, die zusammenzuckte, sich aber nicht zu rühren wagte. »Nichts«, antwortete er dann und riss sie im Vorbeigehen mit sich.

 

Juely hätte einem Mann wie diesem keinen derart eisernen Griff zugetraut. Sein Gang war sicher und er wirkte im Gegensatz zu ihr nicht nervös und das, obwohl die Polizisten ihre Verstärkung nun unüberhörbar erhielten. Es würde sicher nicht mehr lange dauern, bis sie es wagen konnten in das Gebäude vorzudringen. Im Anflug plötzlichen Trotzes versuchte sie sich loszureißen, doch der Versuch war ebenso erbärmlich lächerlich, wie der Gedanke daran es auch schon gewesen war. Die Finger ihres Entführers hatten sich so fest um ihren Arm geschlossen, dass sie beinahe fürchtete, er würde ihr auf Dauer die Blutzufuhr abschnüren.

Sie betraten einen langen Gang, passierten ihn und auch ein Zimmer, welches in einen anderen, noch längeren Gang führte. An seinem Ende fand sich ein Fenster und zu seinen Seiten jeweils rechts und links Türen. Juely fragte sich, welche davon sie wohl betreten mochten und was sie dort erwartete. Ob der schlaksige Mann einen Plan hatte? Die erste Tür zog an ihnen vorbei, sowie auch die Zweite und Dritte. Es blieben jetzt noch drei weitere vor ihnen. Durch ein Megaphon drang die blecherne Stimme eines Polizisten zu ihnen herauf. Sie schien jedoch entmutigend weit entfernt. Als sie eine weitere Tür ungeachtet passiert hatten, machte sich in Juely ein noch viel entmutigender Gedanke breit. Sie riskierte einen Seitenblick auf ihren Entführer. Dessen Blick war starr geradeaus gerichtet, sein Blick verfinsterte sich. »Das ist mein verdammter Glückstag«, seufzte sie und wurde grob mitgerissen, als Revner seinen Schritt plötzlich beschleunigte, absprang und einfach durch das Fenster jagte.

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